Südkurier

19. Dezember 2009

Weihnachten feiern wir mit Carolin“
Kurz nach Weihnachten im vergangenen Jahr starb Carolin, eine der Töchter der Familie Bergdolt. Für diese brach eine Welt zusammen. Wie mit dem furchtbaren Verlust weiterleben? In der Nachsorgeklinik Tannheim konnte die Familie Kraft tanken.

Martina und Claus Bergdolt mit Jana und Sophie. Carolin fehlt seit einem Jahr. Das Kind starb an einer unheilbaren Krankheit. In der NachsorgeklinikTannheim konnte die Familie Kraft für die Zukunft tanken.
Foto: Jochen hahne Tannheim – Der Gedanke an Weihnachten ist für Familie Bergdolt aus Heubach mit vielen Erinnerungen an das Fest im vergangenen Jahr verbunden. Damals verbrachten sie die letzten Tage mit ihrer Tochter Carolin. „Sie war ein fröhliches Kind und hat gegen ihre Krankheit gekämpft“, sagt Mutter Martina. Doch am 28. Dezember 2008 hörte ihr Herz auf zu schlagen.

„Carolin kam gemeinsam mit ihrer Zwillingsschwester Sophie als gesundes Kind auf die Welt“, erzählt Vater Claus. In den ersten Monaten merkte die Familie, dass mit Carolin etwas nicht stimmte. „Sie krampfte, hatte einen Tigerblick und eine seltsame Haltung im Bett“, sagt Martina Bergdolt. Ein Ärzte-Marathon begann. „Das war schrecklich, diese Ungewissheit“, sagt sie. Doch es kam noch schlimmer: „Als der Arzt mir sagte, mein Kind sei nicht nur behindert, sondern schwerstbehindert, fast blind und taub, brach für mich eine Welt zusammen.“ Für die Familie, Tochter Jana, Zwillingsschwester Sophie und ihre Eltern war nichts mehr wie es vorher war.

Wie sich herausstellte, hatte Carolin eine CMV-Infektion, ihr Gehirn wies bereits Verkalkungen auf, die vergleichbar mit denen einer 80-Jährigen waren. Ihre Entwicklung blieb auf dem Niveau eines drei Monate alten Kindes stehen. Zwillingsschwester Sophie war auch von der Infektion betroffen, sie erlitt epileptische Anfälle.

Für eine CMV-Infektion ist das Zytomegalie-Virus verantwortlich, das von der Mutter auf den Fötus übertragen wird. Tatsächlich ist es bei dieser Erkrankung so, dass sich die Symptome oft Wochen oder Monate nach der Geburt zeigen.

„Wir wussten überhaupt nicht, wie wir mit der Situation umgehen sollten, was auf uns zukommt“, erzählt Mutter Martina. „Aber wir wollten alles richtig machen, wir liebten unsere Tochter ja.“ „Wir kauften ein Hörgerät, eine Brille, um ihr zu helfen“, fährt Vater Claus fort. „Die Brille rutschte ihr immer wieder von der Nase, das Hörgerät pfiff, wenn sie sich auf die Seite legte.“

Sie entschlossen sich, ihr das Leben auch ohne diese Dinge so schön wie möglich zu machen. Das kleine Mädchen, das nur zehn Kilo wog, musste ohnehin zahlreiche Therapien, Kuren und schwere Operationen über sich ergehen lassen. Weil das Essen den Magen zu sehr strapazierte, musste ihr beispielsweise eine Sonde eingesetzt werden, die sie ernährte.

Der gesamte Tagesablauf drehte sich um Carolin. Meistens lag sie auf dem Sofa im Wohnzimmer und freute sich, wenn ihre Geschwister oder ihre Eltern mit ihr kuschelten und spielten. „Wenn ich mich mit einer Freundin treffen wollte, kam sie zu mir, damit Carolin nicht alleine ist“, erinnert sich ihre große Schwester Jana. Denn Vater Claus arbeitete in seinem Beruf als Bekleidungstechniker und Mutter Martina kümmerte sich um den Haushalt, Carolin und ihre beiden anderen Kinder. „Da brauchte ich ab und zu auch mal eine Stunde für mich, zum Durchatmen“, sagt sie. „Ich habe Caro dann mit auf mein Zimmer genommen, sie war immer dabei“, sagt die 13-Jährige Jana. Und ihre Freundinnen fanden Caro süß. „Nach einiger Zeit ist meine Schwester mir auf dem Schoß zu schwer geworden, dann haben meine Freundinnen gefragt, ob sie Caro halten dürfen.“

Ihre Lebenserwartung konnte kein Arzt vorhersagen. Am Anfang hieß es, dass Carolin gerade einmal drei Jahre alt werden würde. Doch der Sonnenschein der Familie gab nicht auf. Als sie acht Jahre alt war, stand eine Operation bevor, bei der der Magen von der Speiseröhre getrennt werden sollte. „Der Eingriff verlief ohne Komplikationen, allerdings fing sie sich Pseudomonas ein“, sagt Vater Claus traurig. „Das war der Anfang vom Ende“, fügt Mutter Martina hinzu.

„Pseudomonas sind Krankenhaus-Keime, die bei Menschen mit Vorerkrankungen zu einer tödlichen Infektion führen können“, erklärt der Villinger Internist Peter Hesselbach. Die Bakterien „fressen“ das Blut auf und entziehen ihm Sauerstoff. „Wir hätten die Möglichkeit gehabt, Caro an Maschinen anschließen zu lassen, um ihr Leben künstlich zu verlängern. Aber wir wussten, dass wir sie jetzt gehen lassen müssen“, erzählt Mutter Martina tapfer, eine Träne rollt ihr über das Gesicht.

Die Familie begleitete ihre Tochter in ein Kinderhospiz. Das war kurz vor Weihnachten 2008. „Als sie merkte, dass wir alle bei ihr sind, hat sie sich von uns verabschiedet und die Augen für immer geschlossen“, sagt Martina Bergdolt.

Dieses Jahr wollen die Vier, die nun einen Monat in der Nachsorge Klinik Tannheim Kraft getankt haben, das Fest der Familie trotzdem mit ihrer Tochter feiern. Der Friedhof liegt nicht weit vom Haus der Bergdolts entfernt. „Wir werden einen Zweig von unserem geschmückten Weihnachtsbaum abschneiden und auf Caros Grab legen“, freut sich ihre Zwillingsschwester Sophie.

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